Auf der grünen Wiese: Terrassenhäuser in Wolfsburg-Westhagen

Heinrich Heidersberger, #09100_dia_018 ca.1974, Institut Heidersberger, www.heidersberger.de
Zu den wichtigsten Aufgaben des Städtebaus der 1960er- und 70er-Jahre gehörte der Bau von Großwohnsiedlungen. Der Wolfsburger Stadtteil Westhagen ist eine der „Trabantenstädte“, in denen Wohnraum für die rasant angewachsene Bevölkerung der „Volkswagenstadt“ geschaffen wurde. Seine kettenförmigen, bis zu 16–geschossigen Mehrfamilienhäuser bilden eigenständige, dichte Strukturen mit meist monotoner Fassadengestaltung. Eine Ausnahme sind die Terrassenhäuser des Architektenpaares
Spengelin.
Schnittperspektive der Terrassenhäuser in Westhagen-Süd, Um 1970, Ingeborg und Friedrich Spengelin, Familie Spengelin, Hamburg

Die verschachtelten Terrassenhäuser vereinen unterschiedliche Wohnungsgrößen und -formen in komplexen „Wohnmaschinen“. „Häuser im Haus“ nannte das Ehepaar Spengelin seine Idee, unter einem Dach Wohnraum für Einzelpersonen, Paare, kleine und größere Familien zu schaffen und so ein Zusammenleben in Vielfalt zu ermöglichen. Mit Balkonen, Terrassen und kleinen 
Gartenhöfen entstanden geschützte, grüne Freiräume. Freistehende Treppentürme und offene Laubengänge dienen der Erschließung. Auch die Kombination aus rotem Ziegel, Beton und Holz unterscheidet den Wohnkomplex durch Material und Farbgebung von der Umgebung.


Foto: U. Knufinke, 2018
Das Ehepaar Spengelin widmete sich seit den 1950er-Jahren dem Entwurf neuer
Wohnhausformen. Trotz einheitlicher Planung und hoher Dichte sollten ihre Wohnanlagen abwechslungsreich und individuell wirken und so den zeitgenössischen Idealen sozialen Wohnens und Lebens architektonisch und städtebaulich Gestalt geben. Eine den Wolfsburger Häusern sehr ähnliche Anlage errichteten sie z.B. in Hannover-Roderbruch. Die Terrassenhäuser sind Musterbeispiele für eine im Massenwohnungsbau der 1970er-Jahre seltene Differenzierung und individuelle Vielfalt – sie sind weitgehend im Originalzustand erhalten.

Daten & Fakten

Adresse: Dresdner Ring 5–7, 9, 11–21; Stralsunder Ring 48–60, 62–68, 70–80, 38444 Wolfsburg-Westhagen
Planungszeit: Bebauungsplan 1970
Bauzeit: 1971–73
Architekt: Ingeborg Spengelin (geb. Petzet, 1923–2015) und Prof. Friedrich Spengelin (1925-2016), Hamburg
Auftraggeber: VW-Siedlungsgesellschaft mbH Wolfsburg
Baukosten: unbekannt
Bauart: Rotes Klinkermauerwerk mit Gesims- und Sturzbändern aus Betonfertigteilen
Denkmalschutz: Denkmaleigenschaft bisher nicht geprüft

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