Versöhnliche Moderne: Warenhaus Karstadt am Gewandhaus

Das Warenhaus Karstadt am Gewandhaus, Foto: Stadtarchiv Braunschweig, G. Rothe, 1984
Im historischen Zentrum Braunschweigs, zwischen Altstadtmarkt und Kohlmarkt, sollte ein großes Warenhaus entstehen. Gottfried Böhm gewann den Architektenwettbewerb, an dem auch einige bedeutende Braunschweiger Architekten teilgenommen hatten, mit einem in dieser Zeit ungewöhnlichen Entwurf. Der Neubau fiel in die Zeit der Fusion von Neckermann mit Karstadt (1977/78).

In ihrer kleinteiligen Gliederung nehmen die Fronten der Obergeschosse des Warenhauses Bezug auf den 400 Jahre alten Giebel des benachbarten Gewandhauses – eines der wichtigsten Zeugnisse der Renaissance-Architektur in der Region. Die mit dunklen Dachziegeln verkleideten, vorkragenden Fassadenelemente passen das Gebäude den Dimensionen der Nachbarschaft an, während im Inneren über fünf Geschosse große Verkaufsflächen entstehen.

Foto: U. Knufinke, 2014
Gottfried Böhm war in den 1950er- und 60er-Jahren vor allem als Architekt ausdrucksstarker Kirchen aus Beton berühmt geworden. Als erster Deutscher erhielt er den Pritzker-Preis – den „Nobel-Preis“ für Architektur. Seit den 1970er-Jahren baute er zudem Verwaltungsgebäude und Rathäuser, seltener auch Warenhäuser. Sein Entwurf für das Braunschweiger Warenhaus zeigt mit seiner charakteristischen Fassade eine neue Tendenz in der Architektur: Das Bewusstsein für historische Bezüge war gewachsen, die Notwendigkeit, sich mit neuen Bauten einzufügen, statt das Vorhandene zu ignorieren, wurde erkannt. Es ist wohl kein Zufall, dass im Jahr der Eröffnung des Karstadt Einrichtungshauses 1978, auch das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz in Kraft trat, das dem Schutz historischer Bauten und Baugruppen einen neuen Rahmen gab.


Foto: U. Knufinke, 2016


Daten & Fakten
Adresse: Poststraße 4–5, 38100 Braunschweig
Planungszeit: 1976–77
Bauzeit: 1977–78
Eröffnung: Juni 1978
Architekt: Gottfried Böhm (geb. 1920)
Auftraggeber: Neckermann K.G. und später Karstadt
Baukosten: unbekannt
Bauart: Stahlbetonskelettbau auf quadratischem Raster
Denkmalschutz: Denkmaleigenschaft bisher nicht geprüft

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