Ort der gelebten Demokratie: Das Rathaus Salzgitter

Das Rathaus in Salzgitter-Lebenstedt, Foto: Johamar via Wikipedia [CC BY-SA 3.0 DE]
17 Jahre nach der Stadtgründung am 1. April 1942 erfolgte die Grundsteinlegung zum Rathaus. Ähnlich wie in Wolfsburg stand man vor der Aufgabe, der wachsenden industriellen Siedlung „ohne Geschichte“ ein urbanes Gesicht zu geben. Das neue Rathaus sollte nicht nur den Gremien und der Verwaltung Raum bieten, sondern auch die neue Demokratie verkörpern. Ratssitzungen fanden zuvor an wechselnden Orten und sogar in Privathäusern statt. Die Verwaltung war an mehreren Standorten in Wohnblöcken, Baracken und ausgebauten Scheunen untergebracht. Am 1955 ausgeschriebenen Wettbewerb nahmen acht Architekturbüros teil; den 1. Preis erhielt die Architektengemeinschaft Witte–Brettschneider–Laessig–Kärst aus Hannover.
Der Verwaltungsbau, Foto: U.Knufinke, 2014

Das Rathaus besteht aus einem Trakt mit Foyer und Ratssaal, einem zweigeschossigen Bauteil mit Atrium und einem Scheibenhochhaus. Der in den Vorplatz geschobene Ratssaal im Obergeschoss – über dem Haupteingang – öffnet sich mit verglasten Flächen zur Stadt: Es galt die Devise, Demokratie wird hier für alle sichtbar! Besondere Sorgfalt legte man auf die Sitzordnung im Ratssaal, die als elliptische Spirale alle Ratsmitglieder „an einem Tisch“ vereint und dennoch die Möglichkeit einer Erweiterung zulässt. Hinter dem Rat(sbau) steht die Verwaltung, die mit „modernsten Arbeitsplätzen“ in dem 11-geschossigen Scheibenhochhaus untergebracht wurde.

Das Rathaus wird von der Bevölkerung „der Blaue Bock“ genannt. Mit ihm war die zweite Etappe der Stadtgründung sichtbar abgeschlossen. Der städtebaulich markante Neubau wurde in der Presse als „Symbol der Großstadtreife“ und als Sinnbild der jungen Stadt gefeiert. Während die Fassaden weitgehend erneuert sind, finden sich im Inneren viele originale Elemente. Das Atrium mit seiner Verglasung über zwei Geschosse erinnert an das Atrium des Hannoveraner Landtags (Dieter Oesterlen, 1957–62). Auch die Treppe zum oberen Foyer, die plastische Deckengestaltung im Eingangsbereich und viele Ausstattungsdetails zeugen von der Sorgfalt des Entwurfs. Die jungen Architekten waren Absolventen der Technischen Hochschule Braunschweig. Das Lebenstedter Rathaus ist daher ein bedeutendes Beispiel für die Entwurfshaltung der Braunschweiger Schule.
Der vorgelagerte Ratssaal, Foto: U. Knufinke, 2014

Daten & Fakten
Adresse: Joachim-Campe-Straße 6–8, 38226 Salzgitter-Lebenstedt
Planungszeit: 1951–59
Bauzeit: 1959–63
Eröffnung: 16. Oktober 1963
Architekt: Architektengemeinschaft Witte–Brettschneider–Laessig–Kärst, Hannover
Auftraggeber: Stadt Salzgitter
Baukosten: 14,94 Mio. DM
Bauart: Stahlbetonskelettbau
Denkmalschutz: Denkmaleigenschaft bisher nicht geprüft

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