Kultur im Einklang: Theater Wolfsburg

Heinrich Heidersberger, #1125_5 Scharoun-Theater, Wolfsburg, 1973, Institut Heidersberger, www.heidersberger.de
Schon 1954 gab es Pläne für einen Theaterbau. Aber erst 1965 veranstaltete die rasch wachsende Industriestadt Wolfsburg einen internationalen Architektenwettbewerb für ein neues Theater auf dem Klieversberg. Zu den Teilnehmern gehörte nicht nur der Berliner Hans Scharoun, dessen Philharmonie gerade fertig gestellt wurde, sondern auch der Finne Alvar Aalto (siehe Stephanuskirche) und der Däne Jørn Utzon, der das Opernhaus in Sydney entworfen hatte – drei international bekannte Namen.

Der ursprüngliche Entwurf Scharouns musste wegen finanzieller Probleme stark verkleinert werden. Der geschlossene Baukörper des Zuschauer- und Bühnenhauses überragt das flache, lang gestreckte Foyer mit seinen gefalteten Dächern. Vom Foyer aus gelangt man in den rund 800 Personen fassenden Zuschauerraum mit flach ansteigendem Parkett und einem steilen Rang unter einer gestuften Decke. Die Töne der hölzernen Wandverkleidungen und des Gestühls verleihen dem Raum trotz seiner Größe eine warme und intime Atmosphäre.

Das Wolfsburger Theater ist der einzige realisierte Theaterbau Scharouns. Der Bau fügt sich in den Hang des Klieversbergs ein und blickt auf die im Tal gelegene Stadt mit dem Volkswagenwerk. Durch große Fensterflächen im Foyer scheint die Landschaft in das Innere zu fließen, gleichzeitig ist der Bau selbst eine Art „Stadt-Landschaft“, in der der Weg zum Theatersaal inszeniert wird. Scharoun starb 1972, ein Jahr vor Fertigstellung des Theaters. Hinsichtlich seiner Auslastung gehört das Wolfsburger Scharoun-Theater heute zu den erfolgreichsten Spielstätten Deutschlands. 2014/15 wurde es aufwändig aber behutsam saniert und könnte damit ein Vorbild für zukünftige Sanierungsprojekte sein.
Heinrich Heidersberger, #1125_7 Scharoun-Theater, Wolfsburg, 1973, Institut Heidersberger, www.heidersberger.de

„Theaterstücke haben einen zeitlich begrenzten Nutzen, wie Regenschirme oder Zahnbürsten. Wenn sie ausgedient haben, gehören sie in die Mülltonne.“
Peter Handtke (Schriftsteller, geb. 1942)

Die frühen 1970er-Jahre waren bestimmt durch Reformbemühungen in Politik und Gesellschaft. Der Reformoffensive der niedersächsischen Landesregierung lag ein Gesamtkonzept zugrunde; sie berührte fast alle Bereiche: von Landesentwicklung, Gebiets- und Verwaltungsreform, Schulen und Hochschulen, über Polizei, Justiz, Wirtschaftsförderung, Tourismus, Stadt- und Wohnungsbau, öffentlicher Nahverkehr bis zu Breitensport, Natur- und Umweltschutz.

Andererseits zeigten sich in Kultur- und Bildungsinstitutionen Reforminitiativen „von unten“. So etablierte sich an verschiedenen Bühnen in Berlin und Frankfurt das so genannte Mitbestimmungstheater. Dabei wurden die Mitglieder des Ensembles und des technischen Personals als Theaterkollektiv in die Entscheidungsprozesse mit einbezogen.
Das Wolfsburger Theater wurde in dem Jahr eröffnet, als die Stadt die bis heute höchste Einwohnerzahl erreichte. Die Tatsache, dass in dieser Industriearbeiterstadt ein so ambitionierter Theaterbau eines international bedeutenden Architekten entstand, formulierte die Forderung „Kultur für alle“ auch in der Provinz.
Heinrich Heidersberger, #1125_1 Scharoun-Theater, Wolfsburg, 1973, Institut Heidersberger, www.heidersberger.de
Daten & Fakten
Adresse: Klieverhagen 50, 38440 Wolfsburg
Planungszeit: 1962–69
Bauzeit: 1969–73
Eröffnung: 5. Oktober 1973
Architekt: Hans Scharoun (1893–1972), Berlin
Auftraggeber: Stadt Wolfsburg
Baukosten: 24,8 Mio. DM
Denkmalschutz: Baudenkmal (Eintrag 21. Juni 1989)

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