Ein fester Beton ist unser Glaube: Die St.-Thomas-Kirche in Helmstedt

Die St.-Thomas Kirche in Helmstedt, Foto: U. Knufinke, 2013
Helmstedt war in den 1950er- und 60er- Jahren um einige neue Wohnviertel gewachsen, u. a. weil ganze Dörfer dem Braunkohletagebau weichen mussten. Auf dem Glockberg südwestlich der Innenstadt sollte die St. Thomas-Kirche eines von mehreren Gemeindezentren dieser Zeit werden.

Kirche und Gemeindezentrum sind als Anlage gestaffelter, aufeinander bezogener Baukörper aus Sichtbeton gestaltet: Das Kirchengebäude mit seinem Turm bildet den Schwerpunkt, es wird von den in einem Bogen angeordneten flachen Gemeindebauten (Saal, Pfarrbüro, Wohnungen) eingefasst. So entsteht ein ruhiger, offener Kirchplatz abseits der Straße. Der Kirchenraum überrascht durch seine Höhe und die vielfältigen Licht- und Schatten-Effekte. Die hölzernen Bänke (nach Entwurf von Hausmann) setzen einen warmen Kontrast zu den rauen Sichtbetonflächen.



Foto: U. Knufinke, 2013
Hausmann orientierte die Kirche nach Westen, damit die Morgensonne durch die Fensterbänder im Dach direkt auf den Altar trifft. Dies führte jedoch zu Problemen (u. a. Blendung, Ausbleichen der Paramente), zudem gab es Feuchteschäden am Stufendach. Das schräge Metalldach, das man daher über die Dachstufen stülpte, veränderte das Erscheinungsbild des Baus jedoch stark und beeinträchtigte die Belichtung des Kirchenraums. Der vor einigen Jahren außen an den Wänden aufgebrachte Anstrich soll Flecken und Ausblühungen verdecken, verwischt aber auch die feinen Strukturen des schalungsrauen Betons.
Foto: U. Knufinke, 2013
Ulrich Hausmann gehörte zur ersten Schülergeneration der Braunschweiger Schule und hatte vor seiner Bürogründung bei Friedrich Wilhelm Kraemer (Herzog August Bibliothek) gearbeitet. In den 1960er und frühen 70er-Jahren realisierte er mehrere Kirchen und Gemeindezentren für die Evangelische Landeskirche in Braunschweig. Er war von der kraftvollen Architektur des finnischen Architekten Alvar Aalto beeinflusst (siehe Stephanuskirche, Wolfsburg). Als Vorläufer für die St. Thomas-Kirche nennt Hausmann seine Kirche in Wolfsburg-Reislingen (1963). Das Ensemble ist ein relativ frühes Beispiel für eine „aus einem Guss“ geschaffene expressive Bauskulptur in Sichtbeton (Brutalismus von béton brut frz. für „roher Beton“).

Daten & Fakten

Adresse: Dietrich-Bonhoeffer-Straße 14, 38350 Helmstedt
Bauzeit: 1963–67
Eröffnung: 22. Januar 1967
Architekt: Ulrich Hausmann (geb. 1932), Mitarbeiter Walter Reichert und Dirk Erich Kreuter
Auftraggeber: Ev. Luth. Landeskirchenamt Braunschweig
Baukosten: unbekannt
Bauart: Stahlbetonkonstruktion in Sichtbeton
Denkmalschutz: Denkmaleigenschaft bisher nicht geprüft

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